Lauf um dein Leben!
Der ehemalige Hypnotherapeut Otto Renansen hat nach seiner Scheidung sein Leben neu geordnet und eine Firma für hypnoti-sches Erfolgs- und Selbstmanagement gründet.
Verwirrende Aufträge konfrontierten ihn mit den Sehnsüchten seiner Kunden nach Liebe, Tod und Rache.
Furchtbare Fratzen und drohende Stimmen haben Annelisa Hart-mann in den Wahnsinn getrieben. Dreimal war sie schon in der Psychiatrischen Klinik. Beim vierten Mal ist sie extrem abgema-gert, weil sie alles erbricht. Nur Milch trinkt sie in großen Mengen. Die Schwiegermutter will sie loswerden, ihr Mann ist verzweifelt. Und niemand will mit ihr psychotherapeutisch arbeiten. Da nehmen Otto Renansen und seine Frau sie als Kundin für das hypnotische Selbstmanagement an.
Zum Erstaunen seiner Frau lässt der Hypnotist sie Eier kochen. Und das Unbewusste will, daß sie schwarze Pferde striegelt. Wird sie sich mit Hypnose und ihrem Unbewussten retten können?
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Lügen und Wahrheiten
Ihr ist klar geworden, warum sie sich im Spiegel nicht längere Zeit nackt anschauen kann. Frau Herr hatte ihr aufgetragen, sich solange im Spiegel anzuschauen, bis sie sich gerne ansehen mag.
Aber das ist ihr bisher nicht gelungen. Obwohl sich die sexuellen Beziehungen zwischen ihr und Franz-Anton ganz wesentlich verbessert haben und sie sich jetzt auch ohne Probleme selbst befriedigen kann.
Wenn sie ihren Körper schön finden müsste und akzeptieren könnte, dann müsste sie auch akzeptieren, daß er auch von ihm kommt. Ihm, ihrem Vater.
Und sie wollte nie so werden wie er. Auch wollte sie nicht die Tochter von diesem elenden Säufer sein, der sich bald nach den Messer- und Axtattacken auf sie und die Mutter totgesoffen hatte. Er hatte plötzlich einen furchtbaren Blutsturz erlitten. Der ganze Fußboden war voll Blut gewesen, das er ausgebrochen hatte. Als der Arzt endlich gekommen war, war er schon tot. Verblutet.
Sie stutzt.
Ob das Bluterbrechen etwas mit ihr zu tun hat? Sie erbricht doch auch immer fremdes Essen, daß sie nicht selbst gekocht hat. Und früher konnte sie nur Milch trinken und manchmal Jogurt.
Ob das mit ihrer Weigerung zusammenhängt, sich als Tochter ihres Vaters zu akzeptieren? Ob sie mit dem fremden Essen symbolisch immer den Vater ausbricht und mit der Milch nur die Mutter akzeptiert?
Sie ist ganz durcheinander.
Sie sollte ihr Unbewusstes oder den Falken fragen!
Sie setzt sich auf die Couch und geht in Hypnose.
Der Falke sitzt auf dem linken Pfahl des Gattereingangs und schaut sie erwartungsvoll an.
„Ich weiß schon, was du mich fragen willst! Die Antwort ist ja!
Aber du wolltest auch deinen Mann nicht mehr. Das hast du ihm mit dem Erbrechen auch gezeigt.“
„Und wenn ich akzeptiere, daß ich die Tochter meines Vaters bin, hört dann das Erbrechen auf?“
„Sicher!“
„Aber das kann ich nicht!“
„Das willst du nicht!“
„Nein, das kann ich nicht, denn dann werde ich wie er!“
„Warum denn? Du bist doch ein eigener Mensch! Du bist doch nicht dein Vater. Und der musste auch kein Säufer sein. Er ist es aber gewesen. Wenn er gewollt hätte, hätte er ein anderes Leben führen können.
Und die Eltern deines Vaters waren auch keine Säufer, sondern rechtschaffende Leute.“
„Aber warum hat denn mein Vater so getrunken?“
„Das geht dich nichts an! Er war für sich verantwortlich. Und auch für dich, weil du ein Kind warst. Er hat sich dir und sich selbst gegenüber unverantwortlich gezeigt.
Aber das war sein Problem, nicht deines! Deines ist es nur geworden, weil er so unverantwortlich versagt hat. Aber es waren seine Fehler, nicht deine!
Lass’ seine Fehler bei ihm und kümmere dich um deine eigenen Fehler! Zum Beispiel, daß du die Realität nicht akzeptieren willst, nur weil dein Vater ein schlechter Vater war.“
Ihr gefällt nicht, was der Falke sagt. Aber irgendwo tief in sich weiß sie, daß es so ist. Auch der Hypnotist hat gesagt, das sei nicht in Ordnung, daß sie nicht die Tochter ihres Vaters sein wolle.
Der Falke sieht sie immer noch scharf an.
„Und da ist noch etwas, was du falsch machst. Du hast deinen Vater gehasst. Doch weil du Angst vor ihm hattest, hast du den Hass auf dich gelenkt. Jetzt hasst du dich, weil du die Tochter deines Vaters bist. Statt ihn zu hassen.
Und als der Wolf dir sagte, du solltest deinen Vater verprügeln, hast du dich geweigert. Aber solange der Hass und deine Wut nicht dahin gehen, wohin sie hingehören, bleiben sie in dir und du wendest sie gegen dich.
Und erinnere dich! Ich habe dir gesagt, deine Wahrheit, du seiest nicht die Tochter deines Vaters ist eine Lüge. Und deine Lüge ist eine Wahrheit, denn sie ist eine Lüge!
So ist alles bei dir durcheinander und du hast dich verloren und es macht dich verrückt.“
Sie spürt einen tiefen Groll in sich aufsteigen, sagt aber nichts. Stattdessen löst sie abrupt die Hypnose auf.
Die Wahrheit und die Wut
Otto Renansen schaut gespannt auf seine Kundin. Sie hat am Telefon angekündigt, daß sie eine Entscheidung getroffen habe und um einen Termin mit ihm und seiner Frau bitte.
Ihm fällt auf, daß Annelisa Hartmann sich verändert hat. Nicht nur zeigt sie mehr geistige Präsenz und eine höhere Körperspannung, sondern sie hat die Augenbrauen nachgezogen und trägt Lippenstift.
Außerdem war sie offensichtlich beim Friseur. Sogar neue Kleider hat sie angezogen und wirkt merklich schicker, als bei ihrem letzten Besuch.
Auch Susanne ist das aufgefallen, denn sie macht ihr ein Kompliment über ihr Outfit.
„Wie ich schon am Telefon sagte“, beginnt Annelisa das Gespräch, „habe ich eine Entscheidung gefällt. Ich habe mich dazu durch-gerungen, zu akzeptieren, daß ich die Tochter meines Vaters bin. Für sie klingt das jetzt vielleicht banal, für mich aber ist das sehr, sehr schwer gewesen. Aber ich habe mich dafür entschieden.
Und so bin ich heute zu ihnen gekommen, weil ich die Probleme in meinem Elternhaus lösen will. Können wir das heute in Angriff nehmen?“
„Gerne! Aber, Annelisa, fragen sie zuvor ihren Falken, ob wir das heute angehen sollen!“
Annelisa nickt, schließt die Augen und nimmt die Hände vor die Brust, um die Hypnose ideomotorische einzuleiten.
Kurz darauf erklärt sie aber: „Der Falke hat gesagt, das kann warten. Sie sollen heute etwas anderes machen.“
„Und was?“
„Ich habe noch nicht gefragt. Soll ich das jetzt tun?“
„Ja, bitte!“
Plötzlich ist die Frau vor ihnen nicht mehr so selbstsicher und zielstrebig, sondern wirkt unruhig und nervöse. Sie rutscht in ihrem Sessel hin und her.
„Annelisa, was sagt der Falke? Was sollen wir tun?“ reagiert Susanne Herr und schaut ihren Mann warnend an.
„Ich... ich soll... ich soll mit den Stimmen Kontakt aufnehmen. Aber ich fürchte mich so sehr!“
„Mit den Stimmen?“ frägt der Hypnotist und gibt seiner Frau ein Zeichen, daß er die Führung der Kundin übernehmen will.
„Ja! Das hat er gefordert!“
„Und, sind sie dazu bereit?“
„Eigentlich will ich das nicht! Ich habe Angst, daß ich wieder durchdrehe!“
„Fragen sie den Falken, ob er oder das Unbewusste sicherstellen können, daß ihnen nichts passiert!“
„Er sagt, das sei meine Aufgabe. Er werde dafür sorgen, daß nichts passiert. Ich solle keine Angst haben. Er werde auf mich aufpassen. Und ich solle den Wolf mitnehmen.“
„Wir werden zusätzlich noch die hypnotische Schutzhand instal-lieren, Annelisa. Sind sie einverstanden?“
Sie nickt. Und so kommt Otto Renansen zu ihr und sorgt für eine hypnotische, kataleptische Unbeweglichkeit der rechten Hand. Danach bittet er das Unbewusste von Annelisa, auf sie achten und sie zu schützen und über die Stopphand anzuzeigen, wenn Annelisa überfordert sei oder sich etwas negativ entwickle.
Sodann bittet er die verängstigte Frau, ihren Wolf, die hypnotische Symbolisierung ihrer aggressiven inneren Stärke zu rufen.
Als Annelisa innerlich bereit ist, konzentriert er sie auf ihre Angst.
„Annelisa, spüren sie die Angst vor den Stimmen und Fratzen? Ja? Gut! Bleiben sie bitte bei dieser Angst, ohne da reinzugehen!
Haben sie das gehört?! Sie gehen nicht in diese Angst hinein, sondern bleiben nur im Kontakt mit ihr!
Sagen sie mir bitte, ob sie das verstanden haben!“
„Ja, ich soll nicht in die Angst hineingehen, sondern nur Kontakt mit der Angst halten.“
„Richtig! Finden sie bitte eine Farbe, die psychologisch für diese Angst stehen kann. Es kann auch ein Farbgemisch sein.“
„Ein grelles Grün!“
„Gut! Und jetzt machen sie in ihrer Vorstellung aus dem grellen Grün eine Farbfläche oder einen Farbraum! Sagen sie mir bitte Bescheid, wenn ihnen das gelungen ist!“
„Ich sehe eine Fläche!“
„Prima! Und bitten sie jetzt ihr Unbewusstes, daß ein psychischer Teil aus ihnen hinausschwebt!“
„Das ist mein Wolf.“
„Ihr Wolf, ich denke der ist bei ihnen?“
„Nein, der ist weg! Der ist aber jetzt aus meinem Kopf geschwebt. Jetzt steht er vor mir.“
Der Hypnotist ist überrascht und denkt kurz nach. Dann sagt er: „In Ordnung! Bitten sie den Wolf, auf die grellgrüne Fläche zu gehen!“
„Er ist jetzt darauf.“
„Und jetzt bitten sie ihn nach einer Farbe Ausschau zu halten, die eine psychologische Gegenfarbe zu dem grellgrün ist!“
„Er sagt, da sei eine dunkelgrüne Farbe.“
„Stellen sie sich bitte wieder vor, daß aus dieser dunkelgrünen Farbe auch eine Fläche wird! Und dann gehen sie selbst auf diese Fläche! Und dort bleiben sie bitte!“
„Ich bin jetzt darauf.“
„Das ist gut! Sie sind jetzt auf ihrer Mut-Fläche. Und ihre innere Stärke, der Wolf, ist jetzt auf der Angstfläche.
Bitten sie jetzt den Wolf, dem Angstgefühl auf der grellgrünen Fläche zu folgen und sich in die Situation führen zu lassen, wo Annelisa die Fratzen sah und ihre Stimmen hörte!
Und sie bleiben unter allen Umständen auf ihrer dunkelgrünen Fläche! Haben sie das verstanden?“
„Ja!“
„Was passiert?“
„Der Wolf ist jetzt in unserer Wohnung. Er steht mitten im Raum und schaut zum Fenster. Aber die Fratzen sind nicht da.“
„Bitten sie den Wolf, die Fratzen zu rufen!“
„Nein!“
„Doch! Tun sie jetzt genau das, was ich ihnen sage!“
„Aber ich habe Angst!“
„Das macht nichts! Sie sind auf ihrer dunkelgrünen Fläche, das Unbewusste und der Falke schützen sie. Und der Wolf, ihre innere Stärke, klärt jetzt, was es mit den Stimmen auf sich hat.“
Es wird still im Raum. Sie sehen an winzigen Bewegungen in Gesicht und Körper, wie erregt Annelisa ist.
„Oh, mein Gott! Jetzt sind sie da! Was für fürchterliche Fratzen! Aber die sagen ja gar nichts!?“
„Bitten die den Wolf zu fragen, warum sie damals zu ihnen gekommen sind und warum sie das gesagt haben, was sie gesagt haben!“
„Sie sagen, sie wollten mich daran erinnern, daß ich in Gefahr bin!“
„Der Wolf soll fragen, worin die Gefahr besteht oder bestanden hat!“
„Sie sagen, sie haben mich vor meinem Vater gewarnt, damit der mich nicht erwischt!“
„Aber das sind doch alte Geschichten gewesen! Bitten sie den Wolf zu fragen, warum sie an die alten Geschichten mit ihrem Vater erinnert haben!“
„Sie sagen, weil ich sie nicht wahrhaben wollte!“
„Weil sie alles verdrängt hatten?
„Sie sagen, genau deshalb seien sie gekommen. Weil ich die Wahrheit nicht wissen wollte. Da hätten sie so gesprochen wie der Vater, als er mich erstechen wollte.“
„Annelisa, dann sind die Stimmen in Wirklichkeit ihre Freunde, die eine Botschaft für sie hatten! Verstehen sie das?“
„Ja, aber das kann ich kaum glauben!“
„Lassen sie den Wolf fragen!
„Sie haben gesagt, sie seien meine Freunde und wollten nur, daß ich die Wahrheit wisse. Damit die Lüge aus meinem Leben verschwinde.“
„Und, Annelisa, glauben sie ihnen?“
„Ich weiß nicht!“
„Sie wissen nicht, ob sie ihnen vertrauen können?“
„Ja! Ich weiß nicht, ob sie die Wahrheit sagen. Das ist doch verrückt!
Sie behaupten, sie wollen mir helfen die Wahrheit, die Realität zu akzeptieren. Aber gleichzeitig machen sie mir eine Angst, daß ich durchdrehe und in die Klinik musste. Und das drei Mal!“
„Vielleicht ist alles anders wie es scheint?! Der Falke hat ihnen doch gesagt, in ihrem Leben seien die Wahrheiten Lügen und die Lügen Wahrheiten. Könnten sie ihn einfach einmal fragen?“
Annelisa nickt.
„Der Falke sagt, eine Familie, wo die Eltern streiten, statt sich zu lieben und wo der Vater morden will, ist keine Familie in der ein Kind unterscheiden kann, was Wahrheit und Lüge ist.
Die Ehe meiner Eltern sei eine Wahrheit gewesen, die zugleich eine Lüge war. Und keiner von meinen Eltern habe sich für die volle Wahrheit entschieden. Und ich hätte auch niemals gelernt zu unterscheiden, was wahr und was falsch sei. Und das sei meine Wahrheit!
Aber, Herr Renansen, was gilt denn nun für mich? Woran kann ich mich den halten? Ich verstehe das alles nicht!“
„An den Falken, an den Wolf und an ihr Unbewusstes als Ganzes! Orientieren sie sich an ihrer inneren Wahrheit und misstrauen sie der äußeren Wahrheit! Sie war in ihrer Familie wohl fast immer eine Lüge. Und sie sind das Kind dieser Familie!
Schauen sie! Ihr Vater hat getrunken. Warum, wissen wir nicht. Er wollte die Wahrheit seines Lebens, was die auch immer war, nicht wahrhaben und ist in den Suff geflohen.
Ihre Mutter hat das Spiel mitgespielt und hat ihn niemals verlassen. Und das, obwohl sie gesehen hat, wie schlimm das für sie war.
Ihre Mutter hat das Säufer-Fluchtspiel ihres Vaters mitgespielt. Wenn sie es nicht mehr ertragen hat, ist sie in die Religion oder in ihre Selbstmordphantasien geflüchtet. Warum, wissen wir auch nicht.
Sie sind in dieses üble Psychospiel ihrer Eltern hineingeboren worden. Dazu konnten sie nichts.
Aber, als sie vor der Wahrheit standen, daß ihr Vater sie töten wollte, haben sie sich gerettet und sind durch das Fenster gesprungen. Das war sicher in Ordnung! Auch daß sie wieder nach Hause zurückgekehrt sind. Denn als Kind hatten sie keine Alternative.
Aber daß sie sich einreden wollten, sie seien gar nicht das Kind ihres Vaters, daß war nicht in Ordnung. Allerdings tun das ganz viele Kinder, die Probleme mit ihren Eltern haben.
Die behaupten dann sehr häufig, ihre Eltern seien gar nicht ihre Eltern. Sondern sie hätten eigentlich ganz andere Eltern. Eltern die gut und normal seien.
Sie behaupten dann auch, ihre Eltern hätten sie aus dem Krankenhaus geraubt oder sie heimlich adoptiert und so weiter.
Insofern können sie sich trösten.
Normaler Weise orientieren sich Kinder - zumindest erst einmal - an ihren Eltern, ihrer Familie. Sie glauben ihnen, übernehmen deren Sprache, Ansichten, deren Götter und Verhaltensweisen.
Wenn sie ihren Eltern vertrauen, beginnen sie in der Pubertät zu rebellieren und die Ansichten ihrer Eltern infrage zu stellen und eigene Sichten zu entwickeln.
Wenn sie kein ausreichendes Vertrauen haben, unterwerfen sie sich den Ansichten ihre Eltern, verzichten auf die Entwicklung einer eigenen Sicht der Welt und passen sich an. Sie werden zu lebenden Toten, zu angepassten Zombies.
Wenn sie kein Vertrauen in die Eltern haben und nicht einmal ein Vorbild finden, dann beginnen sie sich eine eigene Phantasiewelt aufzubauen, die ihnen Halt und Stütze gibt.
In einer solchen Welt ist dann die Realität keine Realität, sondern diese wird geleugnet, ausgeblendet, verdrängt oder durch eigene Phantasien ersetzt.
Aber, Annelisa, nehmen wir einmal an, das sei bei ihnen auch so gewesen. Dann müssten wir klären, warum ihr Unbewusstes es für nötig fand, ihnen die Fratzen und Stimmen zu schicken. Wir müss-ten klären, wer oder was die Gegenspieler oder die widerstrebende Tendenz gegen diese war. Und warum sich das Ganze plötzlich so zuspitzte, das es dramatisch und zu einer Psychose wurde. Denn die setzt nur ein, wenn der Konfliktstress so stark wird, daß die Neurotransmittersysteme des Gehirns, vor allem das Dopamin-System, entgleisen.
Haben sie eine Idee?
Was ist den los gewesen, als die Stimmen zum ersten Mal gekommen sind?“
„Ich weiß nicht!“
„Bitte, fragen sie den Falken, warum er ihnen damals die Stimmen und die Fratzen geschickt hat. Oder ob es einen anderen Teil ihrer Psyche gegeben hat, der sie verrückt machen wollte!“
„Er sagt, er habe mir die Fratzen mit ihren Stimmen geschickt. Aber nicht, um mich verrückt zu machen, sondern um mir Angst zu machen und zu erreichen, daß ich mich um mich selbst und vor allem um meine verdrängte Wahrheit kümmere.
Verrückt habe mich eine andere Tendenz gemacht. Die Tendenz zur Lüge!“
„Fragen sie, ob und wo sie diese Tendenz in sich finden können!“
„Das seien die schwarzen Pferde!“
„Die schwarzen Pferde? Die Chaos-Pferde?
Die Pferde stehen doch, wenn ich mich recht erinnere, für ihre Gefühle. Der Wolf auch. Der steht für ihre Stärke, eine gesunde Aggression.
Für welch eine Form der Aggression stehen denn die schwarzen Pferde? Oder für welche sonstigen Gefühle? Bitte fragen sie!“
„Der Falke sagt, das sei die Wut, die die Familie zusammenge-halten habe.“
„Verstehen sie das Annelisa?“
„Nein!“
„Ich auch nicht! Bitte, fragen sie den Falken, wie diese Wut die Familie zusammengehalten hat!“
„Er sagt, jeder habe jeden gehasst, weil jeder Angst gehabt habe. Und die Wut habe geholfen, die Angst zu kontrollieren.“
„Welche Angst? Bitte fragen sie!“
„Die Angst vor der Wahrheit, der Realität.“
„Fragen sie bitte, was denn Schlimmes an der Realität war, daß ihre Familie sie so gefürchtet hat!“
„Die Realität sei der Feind der Phantasie, der Illusion. Und die Phantasie der Feind der Realität“, sagt der Falke. „Menschen lebten lieber in der Phantasie als in der Realität, denn da gebe es Leid, Schmerz und Enttäuschung und letztlich Krankheit und Tod. Und das Versagen.
Und wenn man ihre Phantasien, ihre Wünsche nach dem Ewigen Leben und andere Illusionen infrage stelle oder bedrohe, dann entwickelten sie Wut und Aggressionen gegen die Wahrheit der Realität.
Und diese Wut, diese Aggression könne man nach außen wenden oder gegen sich selbst.
Mein Vater habe diese Wut über sein Versagen im Alkohol zu ertränken versucht. Aber das habe alles nur schlimmer gemacht, denn so habe er immer mehr versagt. Und wenn der Alkoholrausch nicht mehr geholfen habe, dann sei er böse geworden. Sehr böse!
Die Mutter habe zwar das Versagen ihres Mannes gesehen. Aber sie habe auch versagt, denn sie hätte sich trennen müssen. Ihre Flucht sei die Religion und die Todessehnsucht gewesen.“
„Und jetzt fragen sie bitte, ob sie auch versagt haben!“
„Als Kind nicht. Aber in der Ehe. Da hätte ich mich meinem Mann angepasst und mich nicht getraut, mich so zu leben, wie ich wirklich bin. Das sei mein Versagen.
So wie ich die Realität, daß mein Vater mich töten wollte, geleugnet hätte, habe ich auch leugnen wollen, daß ich die Tochter meines Vaters bin.
Deshalb habe er die Stimmen geschickt, um mich an die Wahrheit zu erinnern. Aber auch da hätte ich versagt und sie nicht wahr haben wollen. Obwohl sie nichts anderes gerufen hätten, wie mein Vater, wenn er mich töten wollte.“
„Annelisa, wenn das alles wahr ist, dann fragen sie ihn doch, was sie tun sollen. Wie es mit ihnen weitergehen soll!“
„Ich soll weiter die schwarzen Pferde reiten, um mich mit ihnen vertrauter zu machen. Aber ich solle mich von meinem Schimmel führen lassen. Auch solle ich immer meinen Wolf mitnehmen.“
„Und, werden sie das tun, Annelisa?“
„Ja!“
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