Lauf um dein Leben!
Der ehemalige Hypnotherapeut Otto Renansen hat nach seiner Scheidung sein Leben neu geordnet und eine Firma für hypnoti-sches Erfolgs- und Selbstmanagement gründet.
Verwirrende Aufträge konfrontierten ihn mit den Sehnsüchten seiner Kunden nach Liebe, Tod und Rache.
Furchtbare Fratzen und drohende Stimmen haben Annelisa Hart-mann in den Wahnsinn getrieben. Dreimal war sie schon in der Psychiatrischen Klinik. Beim vierten Mal ist sie extrem abgema-gert, weil sie alles erbricht. Nur Milch trinkt sie in großen Mengen. Die Schwiegermutter will sie loswerden, ihr Mann ist verzweifelt. Und niemand will mit ihr psychotherapeutisch arbeiten. Da nehmen Otto Renansen und seine Frau sie als Kundin für das hypnotische Selbstmanagement an.
Zum Erstaunen seiner Frau lässt der Hypnotist sie Eier kochen. Und das Unbewusste will, daß sie schwarze Pferde striegelt. Wird sie sich mit Hypnose und ihrem Unbewussten retten können?
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Veränderungen im Pferdestall
„Herr Renansen, darf ich ihnen eine Frage stellen?“
„Ja sicher, Annelisa!“
„Der Falke hat mir doch zur Aufgabe gemacht, die schwarzen Pferde zu versorgen, weil das meine Gefühle seien. Und das tue ich auch. Regelmäßig. Jeden zweiten Tag, wie er gesagt hat.
Die Pferde waren alles Rappen. Ganz schwarz. Und jetzt beginnen sie die Farben zu wechseln. Zuerst ist mein Lieblingspferd, die Lilli, ganz weiß geworden. Sie ist jetzt ein Schimmel.
Gestern war der Bruno plötzlich braun und die Hexe ist jetzt gescheckt.
Das muss doch eine Bedeutung haben, daß das geschieht!?“
„Das hat es sicher! Es bedeutet, daß eine Wandlung im Gange ist. Eine Wandlung in ihrem Gefühlsbereich.
Hat sich denn auch sonst in ihrem Leben etwas verändert?“
„Ja!“
Und sie berichtet vom Kochen und Backen und was bei der Versorgung ihrer Familie jetzt anders ist. Über die Veränderungen in der sexuellen Beziehung sagt sie nichts. Beschließt aber, das nachher Frau Herr zu erzählen.
„Und warum das genau zwölf Pferde sind, würde ich auch gerne wissen.“
„Die Zahl zwölf ist die heilige Zahl. Jesus hatte zwölf Jünger. Der Jahreskreis besteht aus zwölf Monaten. Sie verkörpert das Ganze. Aber wir können gleich im Lexikon der traditionellen Symbole von Cooper nachschauen.
Aber was mir wichtig erscheint, ist, daß sie sich mit ihrem Mann ausgesprochen haben. Ich denke, das ist sogar sehr wichtig!“
Er steht auf und holt das Lexikon aus dem Bücherschrank.
„Hier steht: ‚Die Zwölf ist ein vollständiger Zyklus und steht für die kosmische Ordnung.’
Und wenn die Menschen an Jesus als einen einzigen, allmächtigen Gott glauben, dann muss er auch das Ganze symbolisieren. Das geschieht, indem man ihm zwölf Jünger zuschreibt.
Also denke ich, die zwölf Pferde, symbolisieren die Ganzheit ihrer Gefühlswelt.“
Otto Renansen lacht: „Man könnte sagen, sie sind die Gefühls-göttin mit ihren zwölf Gefühlsjüngern und Jüngerinnen auf vier Beinen - schön animalisch!“
Susanne Herr lacht und auch Annelisa lächelt.
„Und was steht da für die Pferde? Warum sind meine Gefühle als Tiere symbolisiert. Und ausgerechnet als schwarze Pferde?“
„Das weiß ich nicht, da müssen wir nachsehen!“
Der Hypnotist blättert im Buch und schlägt unter P den Begriff Pferd auf.
„Oh! Hier steht mehr als eine ganze Seite an Bedeutungen. Das Pferd ist also ein vieldeutiges Symbol.
Ach, hier haben wir es auch! Da steht: ‚Das Pferd ist ein ambivalentes Symbol, da es einerseits die Macht der Sonne ist, wenn die weißen, goldenen oder feurigen Pferde mit Sonnengöttern erscheinen und ihre Kampfwagen zeihen. Andererseits aber die Macht des Mondes, wenn sie als das feuchte Element, das Meer und das Chaos erscheinen und als die Rosse der Ozeangötter.
So ist das Pferd beides, ein Lebens- und ein Todessymbol, solar und lunar zugleich.
Es symbolisiert auch den Intellekt und die Weisheit, den schnellen Gedanken und den schnellen Lauf der Welt.
Das Pferd erscheint mit Fruchtbarkeitsgöttern und den Vanen.’
Und hier sind noch viel mehr Bedeutungen.“
„Otto, um Himmels Willen, was sind den ‚Vanen’?“
„Ich denke, das hat irgendetwas mit der Religion unserer Vorfahren zu tun, den Germanen, aber mehr weiß ich auch nicht. Aber wir können ja in Wikipedia nachschauen.“
Er klappt seinen Computer auf und klickt die Seite von Wikipedia an.
„Hier ist es! Ich lese euch vor, was da steht.
‚Die Wanen (abgeleitet vom altnordischen Vanir – „die Glänzenden“, auch Vanengeschrieben) bilden neben den jüngeren Asen das ältere der beiden Göttergeschlechter in der nordischen Mythologie. Sie wohnen in Wanenheim.
Als Gottheiten unter anderem des Herdfeuers und des Ackerbaus werden ihnen Eigenschaften wie Fruchtbarkeit, Erdverbundenheit und Wohlstand zugeschrieben.
Nach einem mythologischen Kampf (dem Wanenkrieg) gegen die Asen, überlassen die Wanen den Asen als Zeichen des Friedens und zu dessen Sicherung den Meeresgott Njörðr und dessen Kinder, die Zwillinge Freyja und Freyr als Geiseln. Im Gegenzug erhalten die Wanen den Asen Hönir sowie den weisen Riesen Mimir.
Das älteste Geschlecht ist das der Riesen und Ungeheuer, zu denen praktisch alle bösen Wesen gehören, die auch für Natur-katastrophen verantwortlich gemacht werden. Dieses Geschlecht hat die Macht, die Welt zu vernichten. Damit dies nicht passiert, werden die Wanen geschaffen. Die Wanen leben ewig, sie sind weise, mutig und gerecht. Sie halten alles im Gleichgewicht. Aber sie sind keine Kämpfer und unfähig, sich der Riesen und Ungeheuer zu erwehren. Also wird mit den Asen ein kräftiges Kriegergeschlecht geschaffen, dem begrenzte Macht gegeben wird. Bald übernehmen diese die Macht und schließen einen Bund mit den Wanen, die sie brauchen, um ihr Leben zu verlängern. Im Ragnarök erfüllt sich das Schicksal der Götter zuletzt aber doch.
Das zweitälteste Geschlecht sind die Wanen, die als äußerst geschickt, erdgebunden (bäuerliche Fruchtbarkeitsgottheiten) und weise verehrt wurden und ewig leben konnten, es sei denn, sie wurden erschlagen. Die Verantwortung der Wanen liegt im Bereich der Flora und Fauna. Ihre Verehrung fand daher oft in heiligen Hainen statt.
Der Sage nach reizten Wanengöttinnen durch verbotene und feige Hexenkünste die kriegerischen Asen, wodurch es zum Wanenkrieg kam. Die Wanen gingen als Sieger hervor, gaben sich als Sieger aber mit der Gleichberechtigung mit den Asen zufrieden. Asen und Wanen tauschten als Zeichen des Friedens Geiseln aus und vermischten sich dadurch. Der Krieg war beigelegt.
Eine Theorie besagt, dass der Wanenkrieg die Auseinan-dersetzungen zwischen den beiden Stammvölkern der Germanen, den Indogermanen und den Trägern der sogenannten Megalith-kultur, schildert. Diese Ansicht geht auf Publikationen von Gustav Schwantes aus den 1930er Jahren zurück. Ein anderer Ansatz ist, dass der Krieg eine frühe geistesgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen zwei Kulturidealen war: auf der einen Seite die alte bäuerlich-handfeste Göttervorstellung, auf der anderen Seite eine kultiviertere, transzendente Auffassung von den Göttern. In der Muttergöttin Freyja (einer Wanin) und Frigga (einer Asin) über-schneiden sich die Vorstellungen anschaulich.“
„Otto, ist diese Freyja die Göttin, der zu Ehren der Freitag benannt ist. Und die wir an Ostern mit den Ostereiern feiern?“
„Ja! Ist sie.
Der Freitag ist von den Römern als dies veneri abgeleitet. Also zu Ehren der Venus. Die Germanen haben dann die Venus mit ihrer Fruchtbarkeitsgöttin Freyja ersetzt. Darum auch das alles hervor-bringende, frühlingshafte Fruchtbarkeits-Ei zu Ostern. So entstand der Name des Freitags. Der Tag der alten Göttin. Die wir damit jede Woche neu ehren.
Aber das ist ja auch bei den anderen Wochentagen so. Sonntags gedenken wir des unbesiegbaren Sonnengottes, Montags der Mondgöttin, Dienstag dem Mars in Form des germanischen Tyr, aus dem sich der Name des Dienstags entwickelt hat.
Den im Englischen noch bestehenden wednesday, den Tag des Wotans, hat die katholische Kirche entschärfen können und ihn zum Tag in der Mitte werden lassen. Das hat sich durchgesetzt.
Aber am Donnerstag, da donnert Donar, der alte Himmelsgott der Germanen und auch der Samstag ist der alte Saturnstag geblieben.
Kurios, wie die Menschen unbewusst an ihren alten Göttern festhalten, obwohl der Christengott sie auf der Oberfläche verdrängt hat.
Und prompt bringt auch ein weiteres Fruchtbarkeitssymbol der Freyja, ihr Begleittier, der fruchtbare Hase, der in der frucht-bringenden Ackerfurche sitzt, und selbst auch ungemein fruchtbar ist, unseren Kindern die Ostereier.
Aber Annelisa, kommen wir von den germanischen Göttern zu ihren göttlichen Pferden zurück!
Sie sehen, wenn der Falke, selbst ein archetypisches Tier, sie zu ihren Pferden schickt, dann schickt er sie nicht nur zu ihren Gefühlen, sondern auch auf ihre eigene archetypische Ebene. Denn die Gefühle werden nicht in der Hirnrinde generiert, wo wir abstrakt denken, sondern im Limbischen System des Gehirns, eines alten Hirnteils, daß wir mit allen anderen Säugetieren teilen und unsere Gefühle erzeugt. Darum können wir auch mit den Tieren kommunizieren.
Wenn sie also bei ihren Pferden sind und sich um diese kümmern und auf ihnen reiten, sind sie sehr tief in sich selbst tätig. Wenn auch symbolisch. Aber in der Hypnose wirkt das wie in der Wirklichkeit des offenen Tages.
Auch ihr Wolf kommt aus diesem Gebiet. Aber er hat zusätzlich eine noch tiefere Wurzel. Es ist auch ein Teil des Stammhirns. Der Gehirnteil, den wir mit den Echsen zusammen haben.
Darum sagen die Psychoanalytiker, wenn ein Patient auf ihrer Couch liege, lägen da immer ein Mensch, ein Pferd und ein Krokodil gleichzeitig.“
Der Hypnotist lacht Annelisa freundlich an.
„So gesehen, liebe Annelisa können sie froh sein, daß der Falke sie nicht zu den Krokodilen geschickt hat, damit sie diese füttern und auf ihnen reiten!“
Annelisa schüttelt sich, lächelt aber.
„Um Gottes Willen! Nur das nicht!“
Alle lachen.
„Aber jetzt einmal ernst! Daß sich die Farbe der Pferde verändert, ist aus meiner Sicht sehr positiv.
Als schwarze Pferde, so scheint es mir, symbolisieren sie zwar mächtige Tiere, Triebe und mächtige Gefühle, die sie aber auch in den Wahnsinn geführt haben, als sie die Stimmen erlebten. Die Pferde des Chaos.
Da kann es sie doch beruhigen, daß sie auch andere, mehr lebensfrohe Farben zeigen. Auch mehr Vielfalt.
Ich finde das alles prima! Sie sollten sich freuen!“
Annelisa nickt.
„Und wie machen wir jetzt weiter?“ frägt sie.
„Annelisa, sie haben bisher viel erreicht. Es geht ihnen besser. Sie können wieder essen, wenn auch nur selbstgekochte Mahlzeiten und selbstgebackene Kuchen und Torten.
Die Beziehung zu ihrem Mann beginnt sich zu entspannen und ihre sexuelle Beziehung ist auf dem Weg, sich zu normalisieren.
Jetzt hat der Falke sie in eine konstruktive Beziehung zu ihren Gefühlen gesetzt. Wenn auch nur erst in symbolischer Form, indem er sie die Pferde reiten und versorgen lässt. Diese haben sogar schon begonnen, sich zum Positiven hin zu wandeln.
Auch ihren häuslichen Pflichten können sie wieder besser nachgehen.
Zwar ist die Beziehung zu ihrem Sohn Emanuel noch gestört, doch die Beziehung zu ihrem Sohn Holger ist dabei, sich zu normalisieren.
Sogar die Schwiegermutter beginnt sie zu loben und will Tortenrezepte von ihnen.
Damit beginnen sich die Probleme, die ihre innere Leere und Kraftlosigkeit und die Essprobleme ausgelöst haben, sich zu lösen. Das sind wirklich gute Fortschritte, auf die sie stolz sein können!
Aber das eigentliche Problem, die Gründe für ihre psychotischen Phasen, sind noch immer unbekannt. Die Hauptaufgabe liegt also noch vor ihnen!“
„Und wie komme ich damit weiter?“
„Indem sie sich an ihren Falken halten!“
„Soll ich ihn fragen, wie ich weitermachen soll?“
„Ja!“
Annelisa setzt sich zurecht und geht in Hypnose.
„Er sagt, ich solle mich weiterhin um meine Pferde kümmern. Das sei jetzt das Wichtigste! Er werde mir sagen, wann ich wieder zu ihnen kommen solle.“
Annäherung an Emanuel
Emanuel sitzt zusammengesunken am Abendbrottisch. Er hat kaum etwas gegessen. Dabei hat sie sich heute besondere Mühe mit dem Abendessen gemacht.
Es gab einen bunten Salat aus Gemüsen. Angemacht mit reichlich Salz und Pfeffer, Zitronensaft, Himbeeressig, Ahornsirup und Balsamico Creme. Dazu ein leckeres Sauerfleisch nach Bremer Art, daß sie im Delikatessen Laden erstanden hat, und Bratkartoffeln.
Franz-Anton und Holger hat es gut geschmeckt und ihr auch. Nur Emanuel scheint es nicht zu schmecken. Auch hat sie das Gefühl, daß ihn etwas bedrückt.
Als Franz-Anton ins Wohnzimmer geht, um fernzusehen und Holger sich für die Nacht fertig macht, nimmt sie Emanuel beiseite und legt den Arm um seine Schulter.
„Hast du Kummer, Emanuel?“ frägt sie ihn sanft. Und er nickt.
„Komm’, erzähl mal der Mama!“
„Die Lehrerin, die Frau Schulzmeier, hat mich vor der ganzen Klasse geschimpft.“
„Und warum?“
„Weil ich keine Turnsachen mit hatte.“
„Und warum hattest du sie nicht mit?“
„Die Oma hat sie vergessen.“
„Und du hast dafür die Schimpfe bekommen?“
„Ja!“
„Weißt du, der Mama geht es wieder besser. Sie war krank, wie du sicher gemerkt hast.
Was hältst du davon, wenn die Mama wieder nach deinen Schulsachen schaut. Und aufpasst, daß alles da ist, was du brauchst?“
Er schnieft und nickt.
Sie wischt ihm die Tränen aus dem Gesicht und gibt ihm ein Papiertaschentuch, um sich die Nase zu schnäuzen.
„Dir geht es sicher auch schlecht, weil die Mama sich nicht mehr so um dich kümmern konnte“, fährt sie fort.
Wieder nickt Emanuel.
„Und du bist sicher auch deshalb böse!“
Er sagt nichts.
„Weißt du, Emanuel, Mama hat dich ganz lieb! Sie hat dich doch gewollt! Du bist doch mein erstes Kind. Wir haben dich doch gewollt, Papa und ich, und auf dich gewartet.
Mama hat das auch Weh getan, daß sie wegen ihrer Krankheit sich nicht mehr richtig um dich kümmern konnte.
Aber jetzt geht es mir besser. Jetzt kann ich mich wieder mehr um dich kümmern. Mama hat dich sehr lieb!“
Sie küsst ihn auf beide Wangen.
Der unheimliche Ritt
„Nimm heute Bruno mit, wenn du mit Lilli ausreitest!“ befiehlt der Falke. „Er wird euch führen. Reite immer hinter ihm her!“
Sie nickt und beginnt Lilli zu satteln. Dem Braunen legt sie nur ein Halfter an. Er soll frei laufen können.
Sie führt erst Bruno aus dem Stall, holt Lilli und schwingt sich in den Sattel. Dann gibt sie dem Schimmel das Zeichen zum An-traben.
Beide Pferde traben nebeneinander. Bruno wiehert und Lilli antwortet. Es ist als ob sie miteinander sprächen, denn Bruno übernimmt jetzt die Führung.
Sie folgen dem bekannten Weg, der sie erst über die Felder und dann zum Wald führen wird. Sie lässt die Zügel locker und den Schimmel gewähren.
Als sie in den Wald eintauchen, wird Bruno langsamer und auch Lilli verhält im Tempo. Wie durch einen grünen Tunnel führt sie der Forstweg tiefer in den Wald. So weit ist sie noch nie mit den Pferden geritten. Aber sie lässt die beiden Pferde ihren Willen.
Es ist, als ob die Tiere ein bestimmtes Ziel anstreben. Denn sie traben stetig voran, ohne sich von irgendetwas ablenken zu lassen.
Langsam kommt eine leichte Anspannung in ihr hoch. Ihr wird klar, daß sie sich einer Aufgabe nähert, die ihr der Falke zumutet. Es wird ihr etwas ängstlich zu Mute. Aber sie ist entschlossen, durchzuhalten. Sich dem zu stellen, was da auf sie zukommt.
Der Wald wird dichter und dunkler. Doch die Pferde traben weiter und schnauben nur gelegentlich und werfen die Köpfe.
Schließlich wird der Wald wieder lichter und sie kommen in offenes Gelände. Die Pferde gehen jetzt im Schritt.
Vor sich sieht sie ein Dorf liegen. Es kommt ihr irgendwie bekannt vor. Dann erkennt sie es. Es ist das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist!
Sie fühlt eine furchtbare Angst in sich aufsteigen. Und es ist, als ob die beiden Pferde das spüren würden. Denn sie bleiben auf einer Anhöhe stehen, schnauben und senken die Köpfe, um zu grasen.
Sie getraut sich nicht abzusteigen und bleibt im Sattel sitzen.
Was ihr komisch vorkommt, ist, daß die Pferde immer nur nach vorne vorgehen, um zu grasen. So ist sie gezwungen, in Richtung auf das Dorf zu schauen.
Obwohl sie versucht ist, die Augen zu schließen, hält sie diese offen und blickt ängstlich gebannt auf die Dächer des Ortes, der friedlich in der Sonne liegt. Denn sie hat begriffen, daß in dem Geschehen eine Botschaft des Falken und damit ihres Unbewussten auf sie einwirkt. Das spürt sie an dem unheimlichen Angstgefühl, daß sie immer stärker auszufüllt und ihr fast den Atem nimmt.
Tapfer hält sie aus und ist unendlich erleichtert, als die beiden Pferde beidrehen, antraben und dem Weg zurück folgen. Der Braune wieder vorneweg, der Schimmel mit ihr im Sattel hinterher.
Heute ist es umgekehrt. Heute solle sie Bruno, den Braunen, reiten und Lilli solle sie führen, hat der Falke gefordert. Aber es erstaunt sie nicht, daß auch der Schimmel den gleichen Weg einschlägt, wie beim letzten Mal der Braune.
Wieder verharren sie auf der Anhöhe. Und wieder grasen die Pferde so, daß sie auf das Dorf schauen muss.
Auch ihre Furcht ist wieder da. Aber sie kann sie besser ertragen.
Diesmal sitzt sie, wie befohlen, auf dem Schecken und Lilli führt.
Als sie die Anhöhe erreichen, auf der die Pferde die letzten Male gegrast haben, bleibt der Schimmel nicht stehen, sondern schreitet langsam auf das Dorf zu.
Sie sitzt verkrampft auf der Hexe und hält sich voller Furcht am Sattelknauf fest. Die Zügel hat sie vor lauter Angst aus den Händen gegeben.
Sie starrt die Häuser an, die sie alle kennt. Kein Mensch ist zu sehen. Sie weiß, wenn sie sich auf der anderen Seite des Dorfes dessen Rand nähern, wird sie das Haus sehen, in dem sie aufgewachsen ist.
Eigentlich ist es kein Haus, sondern eine Holzbaracke, in der sie damals lebten. Mit dem Hühnerstall daneben und dem kleinen Verschlag, in dem die beiden Ziegen der Familie standen. Und den übereinandergestellten Kästen der Kaninchenboxen an der Holzwand. Neben den bis an die Dachrinne aufgestapelte Holz-scheiten für den Herd.
Sie ist in der Versuchung, einfach die Augen zu verschließen, um nicht sehen zu müssen.
„Warum nur?“ frägt sie sich durch ihre Angst hindurch. „Was ist hier passiert, daß ich solch eine Angst habe?“
Aber sie findet keine Antwort.
Die Pferde gehen ruhig an der Baracke vorbei und weiter in großem Bogen um das Dorf herum. Auf der Anhöhe angekommen, beginnen sie auf den Wald hin zu traben.
Ihr wird bewusst, wie still es ist. Kein Vogel singt. Auch die Wipfel der Bäume schweigen. Sie hört nur den Hufschlag der Pferde und ihr gelegentliches Schnauben und das leise Knarzen des ledernen Sattels.
Die Zügel hat sie wieder in die Hände genommen.
Diesmal soll sie Hans, den Rapphengst, reiten und Lilli soll sie wieder führen. Es ist alles wie beim letzten Mal.
Sie durchqueren den Ort und reiten an der Baracke vorbei, die einst ihre Familie beherbergte. Sie schlagen wieder einen Bogen um das restliche Dorf und reiten auf den Wald zu und nach Hause zum Stall.
Die Angst kommt und geht. Wie beim letzten Mal. Nur ist sie nicht mehr ganz so schlimm. Sie hat sich diesmal gezwungen, die Zügel weiter in der Hand zu behalten. Und es ist ihr gelungen.
Heute soll sie wieder zum Dorf reiten. Wieder auf dem Rappen. Aber sie soll kein anderes Pferd mitnehmen, sondern den Wolf. Er soll sie beschützen, so daß sie zu Fuß durch den Ort gehen kann.
Sie tut alles wie befohlen und wundert sich, daß wieder niemand zu sehen ist. Die Straßen des Dorfes bleiben leer. Auch die Hunde und Hühner ihrer Kindheit gibt es nicht.
Der riesige Wolf trabt rechts neben ihr her und hält sich zwischen ihr und der Baracke. Auf seinem Rückenfell hat sich eine Bürste aus gesträubten Haaren gebildet und ein leises Grollen kommt tief aus seiner mächtigen Brust. Nicht laut, nur drohend.
Sie ist schweißnass vor Angst, setzt aber verzweifelt Schritt vor Schritt. Und zwingt sich, sogar die Wände der dunkelgrün gestrichenen Baracke anzusehen.
Unendlich erleichtert, schwingt sie sich hinter dem Gebäude wieder in den Sattel und lässt ihr schwarzes Pferd befreit auf den Wald zutraben.
Am Stall angekommen, sitzt der Falke auf dem Torpfosten des Pferdegatters und hat sich in der Sonne aufgeplustert.
Als er sie sieht, glättet er seine Federn und krächzt: „Gut gemacht! Geh’ jetzt zum Hypnotisten!“
Dann fliegt er mit schwerem Flügelschlag dem Wald entgegen.
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