Lauf um dein Leben!
Der ehemalige Hypnotherapeut Otto Renansen hat nach seiner Scheidung sein Leben neu geordnet und eine Firma für hypnoti-sches Erfolgs- und Selbstmanagement gründet.
Verwirrende Aufträge konfrontierten ihn mit den Sehnsüchten seiner Kunden nach Liebe, Tod und Rache.
Furchtbare Fratzen und drohende Stimmen haben Annelisa Hart-mann in den Wahnsinn getrieben. Dreimal war sie schon in der Psychiatrischen Klinik. Beim vierten Mal ist sie extrem abgema-gert, weil sie alles erbricht. Nur Milch trinkt sie in großen Mengen. Die Schwiegermutter will sie loswerden, ihr Mann ist verzweifelt. Und niemand will mit ihr psychotherapeutisch arbeiten. Da nehmen Otto Renansen und seine Frau sie als Kundin für das hypnotische Selbstmanagement an.
Zum Erstaunen seiner Frau lässt der Hypnotist sie Eier kochen. Und das Unbewusste will, daß sie schwarze Pferde striegelt. Wird sie sich mit Hypnose und ihrem Unbewussten retten können?
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Das Muster aller Muster
„Ich hätte gedacht, daß da mehr im Auge des Falken passiert wäre, Otto. Aber immerhin, sie war mutig. Sie hat es geschafft!“
„Oh! Da ist viel passiert!
Das war eine archetypische, psychische Ablaufstruktur, die sie durchlaufen hat. Mehr war wohl heute nicht möglich.
Das war auf tiefster seelischer Eben eine symbolische Neugeburt ihrer selbst! Sie hat sich im Auge des Falken neu geboren. Von jetzt an geht es aufwärts. Du wirst es sehen! Ich bin froh!“
„Wieso Neugeburt? Sie ist doch nur durch eine Finsternis gefallen und ist zum Glück auf einer schönen Landschaft gelandet?“
„Susanne, es ist in der Psyche der Menschen so, daß alle gravierenden, psychischen und seelischen Veränderungen einem archetypischen Muster folgen. In Traum und Hypnose. Aber auch im realen Leben.
Alle grundlegenden Veränderungen der Psyche folgen dem Muster der Geburt. Es ist, als ob das Muster für Körper und Psyche und Leben gleich wirksam ist.
Erst wird es eng in der alten Welt, der Gebärmutter. Dem alten Lebenszustand. Dann setzen die Probleme ein, die Wehen der Gebärmutter, die Qualen der Welt mit ihren Problemen. Und dann beginnt die anstrengende Geburt des neuen Lebens!
Und die ist ein Geschehen auf Leben und Tod. Denn entweder wird das Neue geboren oder es bleibt stecken und stirbt. Und die Mutter häufig dann auch.
Und wenn alles gelingt, fällt das Kind durch den Schlauch der langen, dunklen Problem-Scheide, der Qual, Angst und Luftnot in die grelle Helligkeit der neuen Welt.
Schön ist es, wenn jemand in dieser Situation da ist, der das Neugeborene, was immer es auch ist, aufnimmt, herzt und füttert.
Aber dazu ist sie wohl noch nicht in der Lage gewesen.
Aber es reicht doch, daß diese entscheidende Geburt ihres wahren Selbst gelungen ist. In der tiefsten Tiefe ihre Existenz! Und für sie noch völlig unbewusst. Nur wir wissen davon. Sie noch nicht.
Jetzt muss sie noch lernen, sich um sich selbst zu kümmern. Denn wer soll das tun? Außer ihr?
Darum wird es im Prinzip von jetzt an gehen.
Ich bin gespannt, wie sich jetzt der Prozess, den sie in der Tiefe ihre Seele durchlaufen hat und der sich in dieser Geburtssymbolik offenbart hat, sich in der Wirklichkeit ihres Lebens und in unserem Coaching verwirklich wird!
Das bin ich wirklich!“
Angst
Sie hat ein ganzes Menü am Sonntag gekocht. Allen hat es geschmeckt.
Eine Fischsuppe. Wie im Fortgeschrittenen Kochkurs. Sie hat sogar selbst eingekauft.
„Ich möchte eine Fischsuppe für vier Erwachsene und zwei Kinder kochen!“ hat sie der Frau im Fischgeschäft gesagt. Und die hat ihr drei Sorten von Fisch abgewogen. Rotbarsch, Seelachs und Heilbutt. Dazu hat sie Nordseekrabben und kleine Langusten gekauft.
Später dann auch Petersilie, Fenchel, eine rote Paprika und Tomaten. Kein Fischgewürz, wie Frau Maier geraten hat. „Das macht nur einen Einheitsgeschmack! Lassen sie sich Fischkarkas-sen geben! Und kaufen sie zwei Gläser Fisch Fond zum Ver-feinern!“
Sie hat alles gemacht, was Frau Maier ihr geraten hat.
Fischkarkassen hatte das Geschäft nicht. Da hat ihr die Verkäuferin zwei große Lachsköpfe geschenkt. Sie hatte etwas Angst vor denen, denn deren riesige Mäuler mit Zähnen darin und die kalten Augen haben sie angestarrt.
Aber sie hat, wie die Verkäuferin ihr riet, die Fischköpfe zuerst und alleine mit Gewürzen und Gemüse gekocht, damit die Suppe eine gute Grundlage hatte.
Danach hat sie den Sud abgeseiht und eingekocht und in ihm die Fischstücke fast gar gekocht. Dann herausgeholt und warm gestellt.
Mit dem Fischfond hat sie die Suppe verstärkt und mit Pfeffer und Salz und Italienischen Kräutern gewürzt und noch einmal aufgekocht. Und, als alles gut geschmeckt hat, die Fischstücke vor dem Servieren wieder in die Suppe getan und erneut kurz kochen lassen.
Zur Vorspeise hat sie Fenchelsalat mit Orangenscheiben, Pfeffer und Salz, Zitronensaft, Himbeeressig, Olivenöl und Balsamico Creme gereicht.
Selbst den Nachtisch hat sie diesmal selbst gemacht.
Nichts Besonderes. Jedoch hat es den Kindern prima geschmeckt. Es gab Pudding mit echter Vanille und heißen Himbeeren. Mit einem wegen der Kinder nur kleinen Schuss Chassis Likör darin und frisch geschlagener Sahne darüber.
Die Männer konnten Bier trinken und für sich und die Schwiegermutter hatte sie eine Flasche trockenen Riesling Kabinett von der Mosel gekauft.
Die Kinder haben zur Feier des Tages Coca Cola trinken dürfen.
Jetzt will sie das Piss-Problem von Holger lösen. Es liegt ihr auf der Seele, daß er sich immer vor sie hinstellt und dann in die Hose macht, so daß der Urin an seinen Beinen herunterläuft. Und sie bringt es dann nicht fertig, ihn zu versorgen.
Sie hat sich etwas ausgedacht und ihren Falken gefragt, ob sie das machen soll. Er hat gesagt, sie solle es probieren. Er werde sie dabei unterstützen.
Sie müsste es jetzt tun! Aber sie hat wieder keine Kraft damit anzufangen. Aber sie erinnert sich, wie es war, als sie zum ersten Mal Kuchen gebacken hat. Da hat sie sich einfach in Bewegung gesetzt und dann war sie in Hypnose und alles fiel ihr leicht. Sicher hatte der Falke dafür gesorgt.
Wenn sie sich heute einfach bewegt, ob es dann wieder so sein wird?
Sie muss es einfach versuchen!
Sie geht los.
Und sie spürt, wie sie sich in dem gleichen Zustand befindet, den sie hat, wenn sie kocht und bei dem Falken ist.
Sie ruft Holger: „Holger, komm’ bitte zur Mama!“
„Warum?“
„Weil ich dich rufe! Komm’ endlich her!“
Er schlürft betont unwillig heran.
Sie schaut ihn ruhig und freundlich an.
Als er vor ihr steht, ergreift sie seine linke Hand mit ihrer rechten und hält ihn fest, damit er nicht weglaufen kann.
„Holger“, sagt sie, „Holger, du machst doch immer wie ein kleines Kind in die Hose, wenn du wütend auf mich bist. Damit ich dich dann sauber machen soll.
Ich möchte, daß du jetzt in die Hose machst! Dann werde ich dich sauber machen wie ein Baby.“
Der Junge schaut mit großen Augen zu ihr auf. Dann zerrt er und will seine Hand losreißen. Aber sie hält ihn fest.
„Nein, ich will nicht!“
„Doch! Du sollst jetzt in die Hose machen, damit ich dich wie ein kleines Baby sauber machen kann!“
Er fängt an zu weinen und zerrt wild.
Sie hält ihn eisern fest.
„Ich will aber nicht! Ich bin kein kleines Baby! Ich bin ein großer Junge! Ich will nicht in die Hose machen!“
Sie kämpfen und er weint immer wütender.
Schließlich lässt sie ihn los und sagt: „Na gut, dann heute nicht. Aber Morgen!“
„Nein!“ schreit Holger. „Ich will aber nicht!“
„Morgen werden wir sehen!“ sagt sie und verzieht keine Miene dabei.
Sie fühlt sich gut.
Aber wie kann sie die eisige Distanz überwinden, die Emanuel ihr gegenüber aufgebaut hat? Sie weiß es nicht. Sie muss den Falken fragen.
Der Falke sitzt auf dem Zaunpfahl vor ihr und blickt sie einmal mit dem einen und dann mit dem anderen Auge an. Während er seinen Kopf ständig hin und her wendet.
„Du willst die Gefühlsdistanz, die dein Sohn Emanuel zwischen dir und sich aufgebaut hat überwinden? Und dann?
Wenn er sich wieder öffnet, was wird er bei dir finden? Deine Leere! Und es wird ihn fürchterlich verletzen. Er wird schutzlos sein und noch einmal enttäuscht werden.
Willst du das?“
„Nein, das will ich nicht!“
Sie muss weinen.
„Warum muss ich weinen?“ frägt sie sich selbst. „Ich kann doch gar nicht mehr weinen?“
Aber jetzt weint sie!
„Wieso kann ich weinen, Falke?“
„Weil du weinen kannst. Du konntest immer schon weinen. Schon als kleines Baby. Das ist normal.“
„Aber schon so lange Zeit nicht mehr!“
„Sag’ es nur, seit wann nicht!“
Sie ist entsetzt, das ist ihr Geheimnis! Jetzt soll sie es aussprechen?!“
„Seit damals!“ sagt sie und ihr Herz krampft sich zusammen.
„Ja, seit damals!“
„Seit damals habe ich nicht mehr geweint.“
„Sag’, seit wann!“
Der Falke starrt sie jetzt unbeweglich an.
„Wenn ich es sage, ist mein Schutz weg!“ denkt sie verzweifelt. Und dreht sich um. Weg von diesen fordernden Augen. Dem Blick, der ihr durch und durch geht.
„Wegdrehen nutzt nicht!“ hört sie die Stimme des Falken hinter sich, die scharf geworden ist. „Eines Tages musst du es aussprechen!“
Sie will nicht. Sie hat Angst!
Sie traut sich nicht zu ihrem Falken zu gehen und auch nicht zu dem Hypnotisten und seiner Frau. Denn die werden sie zu dem Falken schicken.
Aber es schneidet ihr ins Herz, wenn sie sieht, wie Emanuel sie anschaut.
„Wieso sticht es mir ins Herz? Ich hatte doch keine Gefühle mehr?“ sie ist beunruhigt. Es geschieht ohne ihren Willen.
Sie hat Angst, aber sie spürt auch Wut.
Sie ist verwirrt.
Sie hat Angst! Und sie hat Wut!
Sie hat geweint! Sie hat Angst! Sie hat Wut! Was ist bloß mit ihr los?
Was ist, wenn auch die Leere noch verloren geht? Werden dann die Stimmen kommen? Die fürchterlichen Stimmen? Die Fratzen am Fenster?
Sie weiß sich nicht zu helfen.
Fortschritte
Holger pinkelt nicht mehr in die Hose. Wie sein großer Bruder geht er auf die Toilette und weigert sich, den Kinderaufsatz für die Klobrille zu benutzen. So hängt er zwar ganz schief auf dem Toilettensitz und muss sich rückwärts mit den Händen auf der Brille abstützen. Aber er macht jetzt jedes Geschäftchen alleine. Er will ein großer Junge sein und nicht wie ein Baby behandelt werden.
Emanuel verweigert ihr weiterhin den Blickkontakt. Das schmerzt sie.
Zu dem Hypnotisten ist sie nun seit acht Wochen nicht gegangen. Auch den Falken hat sie nicht besucht.
Als Franz-Anton gestern mit ihr schlafen wollte und ihr wie immer befohlen hat, sich auf den Bauch zu drehen, damit er sie von hinten nehmen kann, hat sie nein gesagt.
„Leg’ du dich hin!“ hat sie gesagt und sich auf ihn gesetzt und die Bewegungen gemacht.
Erst ist er ganz verblüfft gewesen, dann hat es ihm aber gut gefallen. Das hat sie daran gemerkt, wie er gestöhnt hat, als es ihm kam.
Als er fertig war, ist sie von ihm herabgestiegen und ins Bad gegangen. Dort hat sie sich gewaschen.
Als sie zurückgekommen ist, hat er sie gefragt: „Was ist denn in dich gefahren? So kennt man dich ja überhaupt nicht!?“
„Ich wollte sehen, wie du aussiehst, wenn du kommst!“ hatte sie ihm geantwortet. „Ich mag nicht immer von hinten genommen werden.“
„Na, mir soll’s Recht sein!“ hat er gesagt und sich umgedreht und so getan, als ob einschlafen wolle.
Aber sie hat noch lange an seinen Atemzügen gemerkt, daß er wach war. Auch sie hat nicht sofort einschlafen können.
Das zwischen Franz-Anton und ihr müsste sich auch ändern, hat sie gedacht. Wie wir miteinander umgehen, als Mann und Frau, ist auch nicht normal. Das wäre auch ein Thema, daß sie mit dem Hypnotisten und Frau Herr besprechen müsste. Am besten mit Frau Herr.
Sie wird Frau Herr anrufen und um ein Gespräch bitten.
„Was sie schildern, wie es zwischen ihnen, Annelisa, und ihrem Mann zugeht, ist nicht gut! Das ist Pflichtsex ohne Lust und Freude.
Ich fürchte, das geht nicht mehr lange gut. Wenn ihr Mann zu sehr frustriert ist, wird er zu einer anderen Frau gehen. Jetzt, wo sie krank sind, hält er sich zurück. Wenn es ihnen aber wieder besser geht, denke ich, kann es kritisch werden. Denn dann hat er weniger Schuldgefühle, fremd zu gehen.
Aber sagen sie, Annelisa, war das immer schon so zwischen ihnen?“
Fast hätte sie gesagt, daß es erst seit damals war. Im letzten Augenblick hat sie es vermeiden können.
„Nein, früher war das anders. Ich war immer schon in sexuellen Dingen scheu und zurückhaltend. Aber ich habe gerne mit meinem Mann geschlafen. Manchmal habe ich auch einen Höhepunkt bekommen.
Mein Mann hat viel mehr Erfahrung in sexuellen Dingen als ich. Als wir in unserer Verlobungszeit miteinander geschlafen haben, war ich noch unberührt.“
„Und heute? Was wissen sie da über Sex?“
„Nur das, was wir schon einmal gemacht haben.“
„Und das hat meist ihr Mann gemacht?“
„Ja! Nur was ich ihnen erzählt habe, daß ich es ihm gemacht habe, war das einzige Mal, wo ich etwas gemacht habe.“
„Also brauchen sie auch Informationen?“
„Ja, das wäre nicht schlecht!“
„Gut, Annelisa, ich frage meine Mann, der ist ein erfahrener Sexualtherapeut, welche Bücher er ihnen empfehlen kann.
Die lesen sie durch. Danach sprechen wir beide von Frau zu Frau noch einmal über das ganze Thema. Wäre ihnen das Recht?“
„Ja, sehr!“
Es hat sich doch viel verändert, seit sie zu Frau Herr und dem Hypnotisten geht. Sie kocht nicht nur Eier, sondern macht ihrem Mann und den Kindern jetzt jeden Morgen ein gutes Frühstück.
Und sonntags kocht sie jetzt regelmäßig und hat die beiden letzten Samstage auch das Essen gemacht. Und es schmeckt ihrer Familie.
In der Woche kocht mittags die Schwiegermutter. Wenn man das Kochen nennen kann. Denn sie wärmt nur Fertiggerichte auf oder schiebt eine Pizza in den Ofen.
Aber sie muss froh sein, daß sie das tut. Denn bisher hat sie es noch nicht fertig gebracht, selbst wochentags zu kochen.
Aber sie hat sich vorgenommen, das weiter der Schwiegermutter zu überlassen und stattdessen Holger aus dem Kindergarten abzuholen. Emanuel kommt ja jetzt alleine aus der Schule nach Hause.
Heute Nacht hat sie vom Falken geträumt. Er war groß wie ein Adler und ist über den Himalaja geflogen.
Holger war ganz glücklich, als sie ihn vom Kindergarten abgeholt hat. Merkwürdigerweise war sie dabei wieder in dem Zustand, den sie als ihren hypnotischen kennt. Daher ist es ihr ganz leicht gefallen, zum Kindergarten zu gehen, die Kindergärtnerinnen zu begrüßen und mit Holger heimzugehen.
Die Schwiegermutter hat sie kritisch angeguckt, jedoch nichts gesagt. Sie hatte zwei Dosen Ravioli aufgewärmt. Hinterher gab es Eis für die Kinder. Und kein Gemüse, kein Obst. Sie will das ändern. Aber dazu braucht sie die Hilfe des Falken.
Ob er ihr böse ist, weil sie ihn nicht mehr besucht?
Wenn sie einfach das Mittagessen für sich und die Kinder zubereitet, wird sie es merken. Wenn der Falke sie unterstützt, dann wird sie in ihrem hypnotischen Zustand sein und alles wird ihr leicht fallen.
Wenn er ihr grollt, wird ihr alles schwer fallen und sie wird vermutlich versagen.
Da sie nicht weiß, was geschehen wird, wird sie zusammen mit der Schwiegermutter kochen. Diese soll etwas aufwärmen und sie wird dazu den Salat und Obst zum Nachtisch zubereiten.
Sie kocht jetzt mittags für die Kinder. Nur abends muss Franz-Anton die Kinder und sich selbst versorgen. Wie bisher schon. Sie essen alle immer Brot mit Aufschnitt oder Käse, die Kinder auch Marmelade.
Franz-Anton trinkt dazu eine Flasche Pils, sie und die Kinder Milch oder Kräutertee.
Frau Herr hat angerufen und gefragt, wie weit sie mit der Lektüre der Aufklärungsbücher sei.
Sie hat gesagt, sie habe alle gelesen, traue sich jedoch nicht das umzusetzen, was in den Büchern stehe.
Sie solle zu ihr kommen, hat Frau Herr da gesagt.
Sie haben auch einen Termin ausgemacht. Sie wird hingehen.
„Das erste Annelisa, was sie lernen sollten, ist sich erfolgreich selbst zu befriedigen. Denn das ist in der Entwicklung jedes Kindes und jungen Menschen der erste normale Schritt in das sexuelle Leben.
Und wenn sie sich gut und ohne Schuldgefühle und falsche Scham selbst befriedigen können, sind sie auch unabhängig von den Männern. Und das ist ganz wichtig, wenn sie mit ihnen unbefangen sexuelle Beziehungen eingehen wollen.
Deshalb machen wir das zum ersten Ziel! Einverstanden?“
„Ja!“
„Gut! Dann nehmen sie zu Hause einen Spiegel, wenn sie ungestört sind, und betrachten ihre Geschlechtsteile in einem Handspiegel. Wenn sie keinen haben, kaufen sie einen.
Wenn sie das ohne negative Gefühle können, beginnen sie sich selbst zu berühren.
Sie sollen sich nicht sexuell erregen, sondern sich erkunden! Also berühren sie alles, riechen, wie es riecht und fühlen, wie es sich anfühlt und wie sich die verschiedenen Berührungen anfühlen.
Es ist ihre Aufgabe, sich selbst kennenzulernen, sie selbst zu erleben und sich selbst in Besitz zu nehmen. Besonders letzteres!
Wenn das für sie selbstverständlich, angenehm und positiv geworden ist, rufen sie mich an! Ich gebe ihnen dann die nächste Übung an.
Ist das für sie ok?“
„Ja, danke! Ich rufe sie an!“
Erstaunlicherweise, und es hat sie wirklich überrascht, haben die Übungen ihr keine Schwierigkeiten gemacht. Sie hat es gelernt, sich in der Weise selbst zu befriedigen, die für sie die natürlichste und lustvollste ist.
Was ihr dagegen nach wie vor große Probleme macht, ist, sich im Ganzen nackt im Spiegel anzusehen.
Sie kann im Spiegel ohne Probleme ihren Unterleib betrachten und auch ihre Brüste. Aber wenn sie sich im Ganzen ansehen soll, geht es ihr schlecht.
Sie zwingt sich dazu, weil Frau Herr das von ihr verlangt. Aber sie fühlt sich sehr unwohl dabei. Und sie kann einfach nicht lange hinschauen.
Frau Herr hat gesagt, das sei nicht normal. Da verstecke sich ein Problem dahinter. Sie solle zu ihr und Herrn Renansen kommen. Ihre Schwierigkeit müsse geklärt werden.
Sie hat Angst davor.
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